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Hamburg, 1907: Auf dem Jungfern-stieg trifft sich die Prominenz und die Schickeria der Stadt. Sehen
und gesehen werden.
Nach französischem Duftwasser riechende Frauen in hochverschlossenen Kleidern mit riesigen, blumenverzierten
Hüten und glitzerndem Schmuck
spiegeln sich in den prachtvoll dekorierten Schaufenstern. Männer
promenieren in edlen maßgeschneiderten Anzügen, holen stolz im Minutentakt ihre
goldenen Taschenuhren
aus der Westentasche, und dies nicht nur, um die Uhrzeit zu erfahren. Man zeigt, was man hat...
In diese Szene fährt eine majestätisch wirkende Kutsche mit goldenen Wap-pen an den Seitentüren.
Sie wird gezogen von zwei schwarzen Warmblütern,
die auch sicherlich auf der Hoppegarten-Rennbahn
eine Siegchance hätten. Der Kutscher trägt eine Uniform, mit der er mühelos auf dem Wiener Opern-ball
Einlass finden würde. In der Kutsche logiert Konsul Randad samt Gattin und vier Töchtern.
Dank seinen zahlreichen Faktoreien in Afrika hat er es zu einem großen Ver-mögen gebracht. Bei seiner
Rückkehr nach Hamburg zählt er zur Oberschicht
der Hansestadt.
Dies hatte auch direkte Konsequenzen für die Kinder des Konsuls, von denen die "feine" Gesellschaft
die Einhal-tung gewisser Normen erwartete, ganz
besonders galt dies für Mädchen.
Sanft hält die Kutsche vor dem Laden mit einem französischen Daracq-Automobil im Schaufenster.
So ein modernes "Stahlross" fehlt im Hause Randad!
Der Konsul und seine Gattin steigen aus der Kutsche,
der befreundete Tabakhändler Reemtsma wartet schon im Laden. Unweit von der Kut-sche spielen
Jungs
mit einem Stoff-knäuel diesen modernen Sport "Fuß-ball", wie er genannt wird.
Während ihre Schwestern brav mit Porzellanpuppen spielen, ist die 10jährige Konsultochter Ilse fasziniert
von dem Sportspiel und springt aus der
Kutsche. Die Burschen trauen ihren Augen nicht recht: Dieses
Mädchen, mit einem blütenweißen Kleid, glänzenden Lackschühchen und geflochtenen, blonden
Haaren, will sich mit ihnen messen? Ehe sie sich lange versehen schnappt sich Ilse den "Ball", die Jungen
laufen hinterher...das Spiel geht weiter. Sofort
bildet sich eine Zuschauermenge. Ein Mädchen, das
Fußball spielt? Staunende Menschen-augen, anerkennendes Kopfnicken und Gelächter!
"Ilse", ertönt die strenge Stimme der Frau Konsul. Das Publikum hatte es schnell begriffen. Ilse nicht,
sie spielte wie in Trance. Das Gelächter
verstummt in peinliche Berührtheit. Jeder kennt diese vornehme
Frau, und Fußball gilt schließlich als Sport der Proletarier. Schnell löst sich die Grup-pe der
Zuschauer
auf. Die Jungs stoppen das Spiel, jetzt hat es auch das kleine Mädchen begriffen: Zwei Wo-chen Stubenarrest.
Und das nicht we-gen Verlassens der
Kutsche, sondern weil sie Fußball gespielt hat.
Eine kleine, harmlos wirkende Anek-dote aus der Kindheit einer Frau, die in ihrem Leben immer gegen
starre, ge-sellschaftliche Etikette ankämpfen
musste. Das kleine Mädchen wurde unter dem Namen
Ilse Thouret zu einer der bekanntesten Frauen-Sportpersönlichkeiten der 20er und 30er Jahre in
Deutschland.
Begleitet war ihr sportlicher Triumph stets von gesellschaftlichen Gegenreaktionen. Eine Frau, die
sich sportlich verwirklichen wollte, war
einfach unvorstellbar in dieser Zeit. Was da-mals schockierte,
ist heute normal.
Geschichten wie diese brachten Ilse Thouret schon als Kind den Ruf in der feinen Gesellschaft als "very
shocking", später wurde sie eine "Outstanding
Woman".
Der Hamburger Jungfernstieg hat übrigens seinen Namen daher, weil stolze Väter früher am Sonntagnachmittag
mit ihren heiratsfähigen Mädchen dort
promenierten und sie präsentierten.
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